The Crew 2 – Test

Publisher: Ubisoft
Release Date: 08.05.2018
Plattformen: PS4, XBox One, PC

„Jetzt wird es extrem“, verspricht der Sprecher aus dem Off, bevor die komplette Spielwelt sich in bester Inception-Manier um das Auto herum biegt und plötzlich den Himmel füllt. Auf den Kopf gestellte Wolkenkratzer wirken spektakulär und erinnern entfernt an die Antigravitationsstrecken aus Mario Kart 8. Wie schön es doch wäre, wenn noch mehr Spielelemente derart atemberaubende Eindrücke hinterließen. The Crew 2 ist ein tolles Open-World-Rennspiel, aber nach den Sternen greift Ubisoft auch im zweiten Anlauf nicht.

Größe und Vielfalt sind zwei Attribute, die zweifelsohne für The Crew 2 sprechen. An den Rändern der virtuell nachgebildeten Vereinigten Staaten von Amerika misst das Navigationsgerät etwa 115 x 60 Kilometer. Ergibt nach Adam Riese rund 7.000 Quadratkilometer Fläche, abzüglich jener Anteile, die geografisch in die Territorien von Mexiko und Kanada übergehen. Mehr als Genug, um tagelang in einem Monstertruck Gräser plattzuwalzen, jeden Winkel eines Gewässers mit einem motorisierten Boot zu erkunden oder sich in Propellerflugzeugen der Himmelskuppel zu nähern. The Wild Wild West zum Selbsterobern, vogelfrei, mit dem virtuellen Fahrtwind in den Haaren. Selten war der Begriff „Open World“ so treffend wie bei diesem Spiel.

Es ist keine Schande, sich dieser zwar nicht endlosen, aber doch unübersichtlich großen Welt in reiner Bewunderung hinzugeben. Rennveranstaltungen? Trickflugwettbewerbe? Slalomtests in großen Gewässern? Dafür bleibt später noch genug Zeit! Wenn man im freien Flug Adler verfolgt, die ihre Kreise über staubigen Wüsten ziehen, oder dem Sonnenuntergang hinter einer Bergkette entgegeneilt, schrumpft das Verlangen nach Erfolgen, Auszeichnungen und neuen Fahrzeugteilen zu einer Nebensächlichkeit. Jedenfalls eine Weile lang.

Dass viele Oberflächen besonders aus der Luft betrachtet durch sichtbar sich wiederholende Texturen auffallen, Schatten erst kurz vor der Nase auftauchen und die Geometrie der Umgebung ständigen Detailanpassungen unterliegt, mag Grafikfetischisten ins Auge stechen, doch tut das der Faszination keinen Abbruch. The Crew 2 protzt mit Masse und Vielfalt, und das hat für sich alleine betrachtet bereits einen hohen Unterhaltungswert. In gewissen gestalterischen Einzelheiten liefern die Entwickler von Ivory Tower sogar bessere Arbeit ab als Playground Games bei Forza Horizon, etwa wenn es um die Belebung der Städte geht. Jede Menge Fußgänger, die panisch ausweichen, wenn ihr ihnen zu nahe kommt, tummeln sich auf den Straßen. Toll!

Je spektakulärer, desto mehr Follower

Die offene Welt ist der Star dieses Spiels, keine Frage. Doch selbst an den schönsten Übergängen vom Tag zur Nacht und der detailreichsten Umgebung hat man sich irgendwann sattgesehen. Spätestens dann geht es bei The Crew 2 um Substanz im Rennalltag.

Auf den ersten Blick scheint es davon mehr als genug zu geben, allein schon, weil es nun nicht mehr nur Autos gibt, mit denen man die Welt erkundet, sondern auch die bereits erwähnten alternativen Vehikel, mit denen man zu Land, zu Wasser und in der Luft gegen andere Piloten antritt. Mit Auto, Motorboot und Flugzeug wollen Veranstaltungen gewonnen, Upgrades verdient und Moneten herangeschafft werden.

Wettbewerbe diverser Natur warten quer über das Land verteilt auf mutige Kontrahenten, die schnell sind und ein möglichst großes Spektakel veranstalten, mit dem sie immerzu neue Follower in den virtuellen sozialen Medien an sich binden. Heißt im Klartext: Je mehr halsbrecherische Sprünge und wagemutige Tricks ihr vollzieht, desto schneller steigt die Beliebtheit eures Rennfahreravatars, was wiederum die Zulassung zu neuen Veranstaltungen ermöglicht. So hangelt ihr euch von einfachen Straßenrennen, die gelegentlich auch mal über Hausdächer führen, zu Driftwettbewerben und weiter zu Querfeldein-Schnitzeljagden oder von einfachen Trickflügen mit Freistileinlagen zu Checkpoint-Luftrennen, bei denen das Fluggerät mehrere Markierungen in vorgegebener Haltung passieren soll.

Abwechslung? Ist garantiert! Eine Beschäftigung mit nennenswertem Tiefgang findet ihr in the Crew 2 trotzdem nicht, denn die Steuerung der Fahrzeuge ist überaus simpel und benötigt nur sehr selten eine Eingewöhnungsphase. Zwar müsst ihr für jede Rennkategorie eigene Vehikel einkaufen, etwa ein schlitterfreudiges Auto für die erwähnten Driftrennen, doch gestaltet sich deren Handhabung sehr simpel. Eine Garantie für schnell gewonnene Rennen ist das keineswegs. Ein oder zwei ungestüme Crashs genügen für ein Ausscheiden aus der Top 3 und das Verfehlen des damit verbundenen Rennziels. Nur braucht ihr euch eben nicht mit den Fahrzeugen selbst herumzuschlagen. Sie fahren sich beinahe von selbst.

Genau genommen nehmen euch die Spieldesigner jedes denkbare Handicap ab. Driftflitzer rutschen bei kleinsten Lenkmanövern buchstäblich von alleine über die Piste, als ob ihre Reifen aus Schmierseife bestünden. Ein Messerflug mit einer Propellermaschine? In der Realität ein Kunststück für erfahrene Piloten, die den Höhenabfall stetig mit dem Seitenruder kompensieren müssen. In The Crew 2 erledigt das die künstliche Intelligenz automatisch, sodass auch blutige Anfänger frustfrei durch enge Schluchten sausen. Mehr, als das Flugzeug auf die Seite zu rollen, wird euch nicht abverlangt. Dagegen wirkt selbst Nintendos Pilotwings wie eine ausgefleischte Vollblutsimulation. So wie sein Vorgänger ist The Crew 2 ein reines Arcade-Vergnügen.

Ein visuelles Spektakel ohne Tiefgang

Das muss nicht zwingend etwas Schlechtes sein. Etliche Arcade-Rennspiele fordern und fördern gutes Abschätzungsvermögen für Physik und Streckenverlauf. Bei The Crew 2 lässt die Herausforderung jedoch eine ganze Weile auf sich warten. Erst nach dem Verdienen etlicher Upgrades, die den einen oder anderen lahmen Schlitten in ein lebensgefährliches Geschoss verwandeln, oder dem Erwerb exotischer Fahrzeuge der Marke Formel-Eins-Flitzer beziehungsweise hochgezüchtetes Rennboot spüren Rennspielenthusiasten echten Nervenkitzel. Und auch dann nur, weil die Geschwindigkeit des Fahrzeugs der Übersicht auf den Streckenverlauf entgegenwirkt.

Bei drölfzig Kilometern pro Stunde übersieht man gerne mal eine Abkürzung oder schätzt den Winkel einer Kurve falsch ein. Kurven schneiden gehört zum guten Ton im Kampf gegen die manchmal sehr hartnäckige künstliche Intelligenz. Trägheit und gehobene Physikeigenschaften spielen jedoch nicht einmal im Wasser eine tragende Rolle. Mächtige Wellen findet man sowieso nur auf hoher See, weil weder Wind noch Regen Einfluss auf Gewässer nehmen. Es herrscht jedoch nicht immer eitel Sonnenschein. Nasse oder verschneite Straßen wirken sich durchaus auf das Fahrverhalten aus, Wolken und Nebel behindern gelegentlich die Sicht. Trotzdem wäre aus atmosphärischer wie spielerischer Sicht mehr möglich, wie der große Konkurrent Forza Horizon beweist..

Diese Aussage soll den Unterhaltungswert nicht kleinreden. Das komplette Spiel ist auf die Darstellung eines Spektakels ausgelegt. Die Betonung liegt auf dem Visuellen. Nur am Joypad ist Schmalhans anfangs Küchenmeister, was Einsteigern sicher nicht den Spaß verdirbt, aber all jenen, die vom Start weg ein wenig Anspruch erwarten. Das wird übrigens bereits an den Steuerungsoptionen sichtbar. Der Anschluss eines Lenkrads an die Konsole oder den PC ist bei Autos und Booten bedingt sinnvoll. Aber wie viel Sinn ergibt die Lenkradsteuerung mit einem Flugzeug, wenn man das Höhenruder ausschließlich mit dem Steuerkreuz bedienen kann? Wie banal fallen Flugzeugwettbewerbe aus, wenn die Spieldesigner solchen Handicaps an der Peripherie Tür und Tor öffnen, zumal etliche andere Funktionen nur halbherzig oder gar nicht bedient werden?

Darunter beispielsweise das flüssige Umschalten zwischen den drei Fahrzeugtypen. Klappt mit einem Joypad dank des einfach gestalteten HUD-Menüs hervorragend und verleiht The Crew 2 ein wenig Transformers-Touch. Am Lenkrad hilft dagegen nur ein Umschalten im Pausebildschirm, wodurch nicht nur der flüssige Übergang flöten geht, sondern auch der Verbleib auf der zuletzt eingenommen Position auf der Weltkarte. Abgesetzt wird man in dem Fall an der nächstbesten Zwischenstation, die für das Fahrzeug geeignet ist.

Ebenfalls mühsam: Wer mit dem Lenkrad über die Weltkarte navigieren möchte, die einerseits der Orientierung dient und andererseits alle verfügbaren Veranstaltungen auflistet, muss diverse Schaltkombinationen bemühen, um einfachste Kommandos zu geben. Jedes Mal, wenn ihr den Cursor auf der Karte bewegen wollt, seid ihr gezwungen, auf die Bremse zu treten und zugleich das Steuerkreuz zu bedienen. Dabei genügt es nicht, einfach permanent auf der Bremse zu bleiben, denn immer wenn ihr den Cursor kurz ruhen lasst, verwendet das Steuerkreuz wieder die Ursprungsfunktionen, beispielsweise das Umschalten in den Fotomodus. Überdies schleicht der Cursor in Schneckengeschwindigkeit dahin, sobald er das Symbol für einen Wettbewerb passiert. Das zuppelt ganz schön am Geduldsfaden.

Verwendet ihr einen Standard-Controller, fallen all diese Makel unter den Tisch. Die Bedienung wird wieder schnell und eingängig. Angesichts der simplen Physik scheint die Verwendung eines Lenkrads sowieso völlig übermotiviert. Force-Feedback hin oder her, es bringt euch kaum einen Vorteil, wohl aber ein wenig mehr Spaß. Gerade in den Booten, die dadurch ein völlig anderes Fahrgefühl vermitteln. Allerdings ist dringend angeraten, die Leerzone des Lenkrads im Menü zu vergrößern, sonst wird es bei hoher Geschwindigkeit ziemlich fummelig.

Online: Wenig Verkehr vor der Rush-Hour

Pro und Contra halten sich in The Crew 2 oft die Waage: Geschmackssache könnte man sagen. Zugegeben, das vereinfachte Handling der Fahrzeuge erleichtert den Einstieg und macht das Cruisen in den USA besonders angenehm. Selbst bei Querfeldeinausflügen verheddert man sich selten in Bäumen oder anderen Hindernissen, zumal Laternen und kleinere Objekte schlicht über den Haufen gefahren werden dürfen.

Doch genau deswegen bewältigt The Crew 2 den Spagat zwischen Open-World-Erkundung und Rennfahrerkarriere nicht vollends zufriedenstellend. Wettbewerbe kürzen nach und nach Zeitlimits, offerieren längere Strecken, bei denen Durchhaltevermögen gefragt ist, oder geben höhere Zielpunktzahlen vor. Allerdings dürft ihr die Konsolenfahrer nach Strich und Faden durch gnadenloses Abkürzen bescheißen, was sich irgendwie nach Mogelei anfühlt.

Obendrein ist die Herausforderung zwar immer wieder knackig, aber nie so sehr, dass die Fahrzeuge, die man erwirbt, dem nicht gewachsen wären. Strategische Elemente beim Upgraden fehlen völlig. In den ersten Stunden macht euch einzig die Gummiband-KI der Konkurrenten gelegentlich einen Strich durch die Rechnung.

Umso bedauerlicher, dass PvP-Veranstaltungen gegen andere menschliche Fahrer derzeit nicht möglich sind, obwohl eine permanente Online-Verbindung vonnöten ist. Ein kostenloses Update soll das ab Dezember ermöglichen, aber bis dahin wird noch viel Wasser den Rhein hinunterfließen. Bis dahin bleibt euch nur der statistische Abgleich mit Freunden. Alle naselang erscheint eine Pop-up-Einblendung am unteren Bildschirmrand, die euch über Erfolge und Niederlagen aufklärt. Freund XY hat euren Rekord im Weitsprung zu Wasser geschlagen. Na schön, aber wo und wie ist reine Statistik, die man nur in den Menüs auslesen darf. Vielleicht steigt der Nutzen noch mit der Veröffentlichung.

Andere menschliche Fahrer, die sich in der virtuellen Welt tummeln, erkennt ihr an den Namen über ihrem Fahrzeug. Allzu viel Einfluss auf euren Trip haben sie aber nicht, zumindest nicht in der geringen Zahl, in der sie bisher aufgetaucht sind. Ändern könnt ihr das durch das Bilden einer Crew von vier Freunden. So zieht ihr gemeinsam von Wettbewerb zu Wettbewerb oder erkundet die Umgebung nach Fotomotiven und herumliegenden Upgrades.

Der Name des Spiels legt eine Teambildung nahe, doch notorische Solofahrer kommen auch ohne Begleiter hervorragend zurecht – zum Glück auch ohne Echtgeldeinsatz. Wer will, kann seinem Upgradeglück durch den Erwerb von Credits gegen bare Münze nachhelfen, doch es geht prima auch ohne.

Fazit

Viele Aspekte von The Crew 2 sind löblich. Grafisch sticht der zweite Teil den Vorgänger locker aus, die gebotene Abwechslung sucht ihresgleichen, das offene Land lädt augenblicklich zu Forschungstouren und Panoramaflügen ein und das Eigenleben der Städte wirkt mancherorts sogar überzeugender als bei Forza Horizon. Ich hatte schon beim einfachen Cruisen auf den Highways jede Menge Spaß und verspürte nie den Zwang, irgendetwas unbedingt erledigen zu müssen. Stattdessen sah ich mich im Death Valley an schönen Sonnenuntergängen satt und flitze dank Rennboot zwanglos auf dem Mississippi dahin.

Im Vergleich mit Microsofts exklusiven Open-World-Rennspielen zieht The Crew 2 trotzdem den Kürzeren. Ein großes Manko ist die Physik, die mir bei sämtlichen Fahrzeuge zu simpel ist. Wenn Driftwagen von alleine driften und Flugzeuge sich quasi selbst in der Luft halten, schmilzt der Anspruch. Das heißt nicht, dass die Rennen von The Crew zu einfach sind. Im Gegenteil: Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto öfter kommt ihr nur durch (eigentlich unfaires) Kurvenschneiden und Abkürzen abseits der Strecke gegen die KI an.

Der zweite große Kritikpunkt ist die fehlende Interaktion zwischen menschlichen Piloten. Ihr könnt zwar als befreundete Crew zu viert antreten, aber gegeneinander passiert bislang nichts, außer Statistik zu wälzen. Hier tritt der Nachteil der schier endlosen Spielfläche zutage. Eigene Rennen erstellen oder jemanden zu einem Duell auf der Autobahn herausfordern fällt bis Dezember flach.

Hier tritt der Nachteil der schier endlosen Spielfläche zutage. Zurzeit trifft man relativ wenige Mitspieler auf den Konsolen, was nicht an der geringen Anzahl der Spieler an sich liegt, sondern an der Wahrscheinlichkeit, sie auf derart riesigem Feld anzutreffen. Da Interaktionsmöglichkeiten bislang arg beschränkt sind, läge darin sowieso wenig Nutzen: Eigene Rennen erstellen oder jemanden zu einem Duell auf der Autobahn herausfordern fällt bis zum PvP-Update im Dezember flach. Angesichts des stetigen Online-Zwangs kann man das nur als vorerst verschenktes Potenzial betrachten.

GamersChoice Wertung
  • Handlung
  • Grafik
  • Sound
  • Gameplay
  • Motivation
  • Multiplayer
3.7

Fazit

Viele Aspekte von The Crew 2 sind löblich. Im Vergleich mit Microsofts exklusiven Open-World-Rennspielen zieht The Crew 2 trotzdem den Kürzeren.

Über Alexander Wittek 353 Artikel
2012 habe ich es mir zur Aufgabe gemacht meine vielseitigen Erfahrungen nicht nur für mich zu behalten sondern mit euch - den Gamern - zu teilen! Ich spiele seit ich denken kann! Kein Spiel ist vor mir sicher, am liebsten sind mir RPG und Shooter, wie z.B. Destiny, CoD, BF, Mass Effect, Dark Souls, aber auch FIFA und andere Multiplayer-Games halten mich stets bei Laune!

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