Resident Evil 2 – Test

Publisher: Capcom
Release Date: 25.01.2019
Plattformen: PS4, XBox One, PC

Irre 20 Jahre ist es her, dass Leon Kennedy und Claire Redfield erstmals durch das grafisch beeindruckende und unfassbar gruselige Raccoon Police Department irrten. Anfang 2019 wiederholt sich diese Geschichte – allerdings auf eine Art und Weise, die nicht jedem gefallen dürfte …

Offiziell ist Resident Evil 2 gar kein Remake. Diesen Zusatz sparte sich Capcom, obwohl das Spiel alle dafür relevanten Punkte erfüllt. Vorgerenderte Hintergründe, feste Kameraperspektiven und die zu Recht als Panzersteuerung bezeichneten Kontrollen blieben in der Retroschublade. „Ein Frevel, das machte Resident Evil 2 doch aus“, werden einige Nostalgiker darum rufen. Gehört ihr zur Fraktion der Puristen, die für eine Resi-Runde noch immer auf Röhrenfernseher und PlayStation 1 schwören, könnt ihr euch die 2019er-Auflage sparen.

Genauso wenig glücklich werden Spieler, die sich einen rundherum auf modern getrimmten zweiten Teil gewünscht hatten. Audiovisuell mag das Dargebotene ganz 2019 sein, inhaltlich dagegen weniger. Auch in diesem Fall lautet unsere Empfehlung: Finger weg! Zeigt ihr euch dagegen aufgeschlossen gegenüber dem Versuch, Altes mit Neuem in Einklang zu bringen, dann lest weiter.

Fangen wir vorne an, also mit der Story. Kenner des Originals wissen ja schon, was auf sie zukommt. Neulingen wiederum wollen wir nicht den ganzen Gruselspaß vorwegnehmen. Also bleibt es bei einer kurzen Zusammenfassung: Polizist Leon und Studentin Claire erleben im Polizeirevier von Raccoon City einen unfassbaren Zombiealbtraum. Weil die Munition knapp und die Rätseldichte hoch ist, wird das Weiterkommen in dem verwinkelten Gebäude rasch zum Überlebenskampf.

Zu Beginn entscheidet ihr euch für Leon, den neuen Rekruten im Raccoon Police Department, oder Claire, die ihren Bruder Chris sucht. Ihre Geschichten unterscheiden sich in einigen Passagen voneinander, auch nutzen sie teils andere Waffen. Ansonsten bleibt der spielerische Ablauf jedoch gleich. Nach dem Auftakt findet ihr euch in der Eingangshalle des Polizeireviers wieder. Wenige Wege stehen offen, deutlich mehr sind blockiert. Durch das Auffinden von Schlüsseln und anderen Gegenständen erschließt ihr euch Stück für Stück das mehrstöckige Gebäude. Eine übersichtliche Karte und auffindbare Hinweise gehören zu den größten Hilfen.

Ebenfalls wichtig sind starke Nerven, denn das Ganze heißt aus gutem Grund Survivalhorror: In dem düsteren Gemäuer trachten euch nicht nur Zombies nach dem Leben. Die beiden Protagonisten verfügen anfangs nur über eine Pistole. Im Spielverlauf kommen weitere Waffen hinzu, unter anderem eine Schrotflinte für Leon sowie ein Granatwerfer für Claire. Egal was ihr nutzt, die Munition bleibt immer rar. Gleiches gilt für Heilkräuter und Messer, die euch im Nahkampf das Leben retten können.

Untote in UHD

Der Plot mag bekannt sein, die Technik ist es aber nicht. Grafik und Sound lassen sich nicht mehr mit dem Original vergleichen. Das klingt zunächst völlig logisch, schließlich gehört eine zeitgemäße Aufmachung zu den Grundzutaten einer guten Überarbeitung. Doch besonders Kenner des Originals dürften baff sein, wie gut Resident Evil 2 aussieht. Ihr schaut Polizist Leon und Studentin Claire bei der Zitterpartie nun über die Schulter. Zu ihrem Repertoire gehören Gehen, Rennen, Schießen und die Interaktion mit Gegenständen. Allein durch die perspektivische Nähe zu den beiden schick modellierten Charakteren wirkt alles um ein Vielfaches intensiver als vor zwei Dekaden.

Das Polizeirevier gibt sich so groß und fein ausstaffiert wie nie zuvor – das hebt das neue Resident Evil 2 bereits deutlich vom Klassiker ab. Besonders hervorheben muss man jedoch die Gestaltung der Zombies. Ihre Visagen und Körper sehen herrlich fies aus. Schießt ihr dem Pack ins Gesicht – und das solltet ihr immer tun –, reißt das ganze Fleischfetzen heraus. Selbst Arme und Beine könnt ihr abtrennen, doch auch das hält die Hirnfresser kaum auf. Ganz sicher erledigt ist ein Zombie in Resident Evil 2 erst, wenn von seinem Kopf nichts mehr übrig ist.

Besitzer eines 4K-Fernsehers samt PS4 Pro oder Xbox One X genießen Splatter und Gruselstimmung in entsprechender Ultra-HD-Auflösung nebst HDR-Unterstützung. Wir spielten für den Test hauptsächlich die PS4-Version auf einem 65-Zoll-Fernseher. Bei dieser Größenordnung fallen einige qualitativ sparsame Texturen auf, vor allem an Wänden und Dekorationen, wie Bilder oder Vasen.

Das macht der HDR-Effekt jedoch locker wett: Weil ihr oft nur mit eurer Taschenlampe Licht in die Dunkelheit bringt, kann der erhöhte Kontrastumfang seine Stärken ausspielen. Was nicht vom Schein der Funzel erhellt wird, gleitet über feine Graustufen hinab in tiefes Schwarz. Die vielen Szenen mit schwacher oder indirekter Beleuchtung machen einen Großteil der Atmosphäre aus. Auf Wunsch lässt sich unabhängig von der Auflösung ein Filmkorneffekt zuschalten.

Über jeden Zweifel erhaben ist der Sound. Mittels Surroundanlage oder passender Kopfhörer entfaltet sich eine enorm vielschichtige und verstörende Klangkulisse. Die akustische Räumlichkeit begeistert mit mal fernen, mal unmittelbaren Lauten – die Bandbreite reicht vom leisen Rascheln über dumpfes Stöhnen bis zu lautem Geschrei. Das treibt nicht nur den Puls nach oben, sondern hilft darüber hinaus, nahende Untote oder andere Gefahren zu lokalisieren. Der Soundtrack spielt teilweise spartanisch, dann jedoch wieder sehr eindringlich auf. In Sachen Dynamik schöpft Resident Evil 2 aus dem Vollen. Selbst 3-D-Audio wird unterstützt, sofern ihr das erforderliche Equipment besitzt.

Ihr könnt aber auch auf den Originalton von 1998 umstellen – angesichts der beschränkten Qualität ist das jedoch nur ein netter Gag. Wirklich durchwachsen fällt einzig die deutsche Synchronisation aus: Während einige Figuren stark und der bedrohlichen Situation angemessen klingen, transportieren andere mehr Seifenoperflair als Horrorstimmung. Stellt auf Englisch um, das verbessert die Stimmung.

Zu den weiteren Zugeständnissen an die Neuzeit zählen drei Schwierigkeitsgrade. Die Stufe „leicht“ solltet ihr schlicht ignorieren, denn schwache Gegner, Zielhilfe und automatische Heilung gehören einfach nicht in ein Resident Evil. „Standard“ setzt regelmäßig automatische Rücksetzpunkte und lässt euch manuell unbegrenzt oft speichern. Veteranen entscheiden sich dagegen für die gleichnamige Stufe, bei der Feinde stärker sind, Checkpoints wegfallen und an den gewohnten Schreibmaschinen nur mit gefundenen Farbbändern gesichert werden darf. Eine Umstellung der Stufe im Spielverlauf ist übrigens nicht möglich. Überlegt euch also vorher, was ihr euch zutraut.

Spielerischer Flashback

Resident Evil 2 ist äußerlich kaum wiederzuerkennen, doch Inhalt und Ablauf könnten klassischer kaum sein. Trotz freier Kamerasteuerung und schneller 180-Grad-Wende wirkt die Rückkehr behäbig, manchmal gar schwerfällig. Das Was, Wie und Wann ist streng vorgegeben. Die Suche nach dem nächsten Item oder Schlüssel folgt einer festen, ständig wiederkehrenden Formel, die sich nur bedingt abkürzen oder durchbrechen lässt. Mangels Munition müssen Gegner manchmal umgangen statt umgebracht werden. Weitere Ausführungen sparen wir uns, denn wenn ihr bis hierher gelesen habt, wollt ihr so spielen. Und genau darum werdet ihr Resident Evil 2 lieben!

Capcom präsentiert einen deutlichen Gegenentwurf zum rasanten, hektischen und nach immer mehr Umfang jagenden Gros der Spielezunft. Das Verrückte daran ist, dass es für diesen Tapetenwechsel kein frisches Konzept samt Milliardenbudget braucht, sondern die Besinnung auf die Tugenden eines 20 Jahre alten Playstation-Spiels.

Den ersten wichtigen Baustein, das Leveldesign, muss man nach wie vor als hervorragend bezeichnen. Capcom strickt ein überschaubares, aber sehr durchdachtes Geflecht aus Gängen, Räumen und Aufzügen. Wer die Karte zu lesen gelernt hat, erkennt bald, wie clever viele Bereiche miteinander verbunden sind. Zwar verläuft die Handlung linear, aber trotzdem gibt es etwas zu entdecken. Statt die Bastion der Ordnungshüter mit Gegenständen zu überladen, versteckt man wenige, jedoch tatsächlich hilfreiche Extras für Leute, die mit neuem Wissen oder frischen Gegenständen an bereits besuchte Orte zurückkehren möchten.

Gerade aufgrund ihrer Seltenheit fühlt sich jeder dieser Funde gut und besonders an. Passt nur auf, im Inventar auch Platz dafür zu haben, denn der ist serientypisch begrenzt. Überschüssiges landet in einer der strategisch platzierten Kisten, neben denen praktischerweise fast immer eine Schreibmaschine zum Speichern steht.

Der altmodische Aufbau bereitet das Feld für die zweite große Stärke des Spiels: Atmosphäre. Zusammen mit Grafik und Sound kann Resident Evil 2 enorm fesseln. Weil die Geschichte auf festen Bahnen verläuft, ist man dem Verlauf quasi ausgeliefert. Selbst Kenner des Originals werden aufgrund einiger Veränderungen erstaunt sein, welche Spannung die eigentlich bekannte Story bietet. Obgleich man nervös, vielleicht sogar ängstlich um jede Ecke schleicht, möchte man weiter in diesen Albtraum vordringen.

Auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad entfaltet das alles seine volle Wirkung: Nur wer ausschließlich bei Notwendigkeit schießt, Risiken richtig kalkuliert und Wege absolut verinnerlicht, hat eine Chance. Das mag sich hochtrabend anhören, gehört jedoch zur spielbaren Survivalhorrorrealität. Bereits zwei Zombiebisse erledigen euch, umgekehrt stecken die wandelnden Leichen enorm viele Treffer ein. Zusammen mit der Einschränkung, lediglich mit begrenzt verfügbaren Farbbändern speichern zu können, ist dieser Modus etwas für ganz zähe Typen!

Lernen lohnt sich

Die Neuauflage behält eine weitere Besonderheit des Originals bei, nämlich den Wiederspielwert. Linearer Verlauf und kluges Design erlauben es, Resident Evil 2 zu lernen. Seid ihr in der Lage, die Karte mit geschlossenen Augen abzulaufen und die Position jedes Items auswendig aufzusagen, könnt ihr es beispielsweise wagen, das Spiel innerhalb eines Zeitlimits zu beenden. Weitere Aufgaben bestehen darin, manche Rätsel mit wenigen Versuchen zu absolvieren oder einem gewissen grauen Hünen den Hut vom Kopf zu schießen.

Als Belohnungen für den Abschluss der insgesamt 87 Herausforderungen winken Konzeptgrafiken, Charaktermodelle, Outfits und sogar Extrawaffen. Nach dem ersten Durchspielen der beiden Kampagnen, die jeweils zwischen sieben und zehn Stunden andauern, schaltet ihr für Leon und Claire den sogenannten 2. Durchgang frei. Dieser variiert die Ereignisse beider Storys, indem er euch beispielsweise an neue Orte führt und ein anderes Ende bietet. Eine Rückkehr feiern auch die zwei Zusatzmodi mit Hunk und Tofu, die ebenfalls freigespielt werden wollen.

Fazit

Stellt euch vor, ihr restauriert einen lieb gewonnenen Oldtimer. Damit er für den heutigen Straßenverkehr tauglich wird, baut ihr frische Bremsen und Stoßdämpfer ein. Auch ein neuer Lack kommt drauf. Doch trotz der Veränderungen bleibt die Motorleistung unverändert, auch das Fahrgefühl erinnert sehr stark an den Ursprungszustand. So ist für mich Resident Evil 2.

Die Verschmelzung des alten Spielgefühls mit der neuen Technik gelingt wirklich prima. Die Entwickler haben verstanden, wie viel Frische man dem Titel zumuten kann, ohne das ursprüngliche Konzept über Bord werfen zu müssen. Schnelles Ausweichen oder massig Munition würden die Idee hinter dem Survivalhorror komplett unterwandern, also kann man nur an bestimmten Schrauben drehen, ohne das gruselige Kartenhaus zum Einsturz zu bringen. Diese grundsätzliche Behäbigkeit ist ebenso eine Grundzutat von Resident Evil 2 wie das clevere Leveldesign.

Meiner Meinung nach hat Capcom alles richtig gemacht. Ich fühle mich in beinahe jedem Raum ans Original erinnert, habe aber dennoch das Gefühl, alles auf eine frische Art zu erleben. Ich mag außerdem, dass ich dafür belohnt werden, Zeit zu investieren. Dazu spornen mich die Herausforderungen an, denn die kann ich nur erfüllen, wenn ich Abläufe und Mechaniken lerne. So funktionierten Spiele früher und ich danke Resident Evil 2 dafür, dass es in Sachen Wiederspielwert so klassisch bleibt.

GamersChoice Wertung

Getestet: Resident Evil 2

Das ist es: Das Remake eines wirklichen Klassikers!

  • Handlung
  • Grafik
  • Sound
  • Gameplay
  • Motivation
4.6

Fazit

Ich fühle mich in beinahe jedem Raum ans Original erinnert, habe aber dennoch das Gefühl, alles auf eine frische Art zu erleben.

Pros

  • cleveres Leveldesign
  • grafisch feine Überarbeitung
  • hervorragende Soundkulisse
  • hoher Wiederspielwert

Cons

  • langsamer und teils zäher Ablauf
  • streng linear aufgebaut
  • durchwachsene deutsche Synchronisation
Über Alexander Wittek 548 Artikel
2012 habe ich es mir zur Aufgabe gemacht meine vielseitigen Erfahrungen nicht nur für mich zu behalten sondern mit euch - den Gamern - zu teilen! Ich spiele seit ich denken kann! Kein Spiel ist vor mir sicher, am liebsten sind mir RPG und Shooter, wie z.B. Destiny, CoD, BF, Mass Effect, Dark Souls, aber auch FIFA und andere Multiplayer-Games halten mich stets bei Laune!

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